Widerworte zum Monatsspruch 2024
Alle Schrift, von Gott eingegeben, ist nütze zur Lehre, zur
Zurechtweisung, zur Besserung, zur Erziehung in der
Gerechtigkeit.
2. Timotheusbrief 3, 16
Von Gott eingegebene Schrift und die Irrlehren der Zeit
Der Monatsspruch Februar stammt aus dem Brief an Timotheus.
Auch im zweiten Brief an seinen Mitarbeiter Timotheus wehrt sich Paulus gegen die Irrlehren der damaligen Zeit. Ich zitiere mal die Zeilen vor diesem Monatsspruch aus diesem Kapitel der Bibel:
"In den letzten Tagen werden schwere Zeiten anbrechen. Die Menschen werden selbstsüchtig sein, habgierig, prahlerisch, überheblich, bösartig, ungehorsam gegen die Eltern, undankbar, ohne Ehrfurcht, lieblos, unversöhnlich, verleumderisch, unbeherrscht, rücksichtslos, roh, heimtückisch, verwegen, hochmütig, mehr dem Vergnügen als Gott zugewandt. Den Schein der Frömmigkeit werden sie wahren, doch die Kraft der Frömmigkeit werden sie verleugnen. Wende dich von diesen Menschen ab."
Uiuiui - dieser Monatsspruch hat es in sich und die Worte davor noch viel mehr.
Harte Worte spricht Paulus über die letzten Tage und dann seine Sicherheit, wir wissen es besser. Lasst sie uns zurecht weisen. Unsere Worte sind von Gott eingegeben.
Liest sich das gruslig, genau so gruslig, wie manche Verlautbarungen dieser Tage.
In mir rührt sich Widerstand. Ich möchte das so nicht stehen lassen als Spruch des Monats. Ich ahne, dass die ersten Zeugen, die Christus noch begegneten oder zumindest den Menschen, die ihn erlebten, damals alles für die Wiederkunft Christi vorbereiten wollten. Das war eine Zeit in der es wichtig war, in den Kampf für die gute Sache zu ziehen - Paulus nennt es sogar Krieg des Glaubens im ersten Brief an Timotheus:
Frauen bleiben bitte zuhause und ordnen sich unter ( 1.Kor 14,33) und die Männer weisen zurecht, weil ja alles jetzt ganz schnell und richtig gemacht werden muss.
Und wie, das wissen die Verfasser dieser Briefe - von Gott gegeben -
Ist das so? heute noch? Unser Verständnis der Schrift?
Widerworte Ich gebe es zu, ich wollte fast keine Andacht über diese Worte schreiben heute 2000 Jahre später. Weil mich diese Worte ärgern, weil eine solche Schriftgläubigkeit ärgert, noch dazu wenn Bibelzitate der Rechtweisung und dem Abwenden von Menschen dienen.
Ich kann und will mir einfach nicht vorstellen, dass Gott oder Jesus sich von Menschen abwendet und dass es eine Zeit gibt, in der wir als die "heilige Sekte der Christen" uns abheben und schauen, dass wenigstens wir gerettet werden in der Unzeit.
Nein, da will ich widersprechen, diese Begriffe anders deuten:
Lehre, Zurechtweisung, Besserung und Erziehung zum Gerechten. Ich denke an meine Erziehung zuhause, in der ich als Mutter bald gemerkt habe - jetzt im Teenageralter meines Kindes sowieso -
Erziehung ohne Beziehung ist ein sinnloses Unterfangen- den Erziehungsratgeber möchte ich lesen - der das hinbekommt. Es helfen keine guten oder strengen Worte, Zurechtweisung, Besserung und Erziehung, wenn die Beziehung brach liegt oder lieblos ist. So etwas ist im besten Fall Drill mit Gehorsam mit z.T. verheerenden Auswirkungen.
Wir lernen nur, wenn der- oder diejenige, der oder die zurechtweist, uns wirklich was zu sagen hat, weil wir ihn als Mensch anerkennen und als Instanz, auf die wir hören dürfen, weil da Vertrauen ist, weil das Ganze dem Guten dient und der Liebe.
Ich habe mich im Studium und im Berufsleben durch viele Bücher gewälzt, aber immer war mir wichtig zu begreifen, von wo aus schreiben eigentlich die Autoren, was ist ihr Erfahrungshintergrund? Kenne ich sie gut genug, um das geschriebene Wort auf meine Situation anzuwenden? Auch heute hab ich viel gelesen, was Paulus da umgetrieben hat, um diese Briefe zu schreiben.
Schrift von Gott gegeben Ich wünsche mir wirklich Menschen, die von Gott durchdrungen sind und der Botschaft, die Jesus uns vorgelebt hat. Von denen lass ich mir gerne was sagen oder erzählen.
Und alles unter dem Motto der Jahreslosung:
Alles, was ihr tut, geschehe in Liebe. Auch Zurechtweisung kann nur in Liebe geschehen, sonst gehören wir zu den "Bösen" von denen Paulus eben auch schreibt. Auch Zurechtweisung kann scheinheilig sein und dem Wesen der Frömmigkeit widerstreben, die wohl eine Kraft hat, die gerecht und gut ist.
In diesen Tagen wurden die Ergebnisse der Forumstudie vorgestellt über Sexualisierte Gewalt in unsrer Kirche. Ich schäme mich, weil unter dem Deckmantel der Frömmigkeit so etwas geschieht. Ich schäme mich so sehr. Die Kraft der Frömmigkeit wurde aufs Übelste missbraucht.
Die Schrift ist eben nicht immer nütze, wenn die Liebe fehlt. Oder viel schlimmer, wenn Gewalt ausgeübt und Macht missbraucht wird: Deckmantel der frommen Rede - über all dieses Unrecht - es ist unvorstellbar grausam.
Einen offenen Umgang mit den Themen der Sexualität würde ich mir wünschen. Dass wir offen reden, was übergriffig und schamlos ist. Dass wir zuhören und nicht wegschauen. Dass wir Kinder und Jugendliche ermutigen, sich eben nicht erziehen zu lassen, wenn die Beziehung machtvoll missbraucht wird und dazu noch eine Schrift zitiert, die einfach nicht zum Erleben passt.
Manchmal bleibt mir die Luft weg, wenn ich solche Bibelverse auf die Webseite stellen soll. Und doch merke ich, dass einiges Gute hängen bleibt. Weil auch meine Frömmigkeit kraftvoll ist, manchmal kraftvoll genug, um zu widersprechen.
Ich schreibe mal um, was ich gelernt habe aus diesen Worten:
Alle Worte, die Gottes Liebe widerspiegeln - nehmt als Hinweis um zu lernen, euch Kritik zu stellen, Kritik zu üben - schaut genau hin und widersprecht, wo es notwendig ist - lebt in liebevollen Beziehungen - und dient der Gerechtigkeit und dem Frieden.
Gott segne uns
Elke Piechatzek