Monatsspruch Mai 2025

Vertrauen üben

Zu dir rufe ich, HERR; denn Feuer hat das Gras der Steppe gefressen, die Flammen haben alle Bäume auf dem Feld verbrannt. Auch die Tiere auf dem Feld schreien lechzend zu dir; denn die Bäche sind vertrocknet. (Joel 1,19-20)

 

Der März 2025 war in Europa der wärmste März seit Beginn der Wetteraufzeichnungen. – So war es vor wenigen Tage in den Nachrichten zu hören. Der große Schock bleibt (bei mir) jedoch aus.

Schließlich war ja der März  bereits der 20. Monat in Folge, in dem die globale Durchschnittstemperatur überschritten wurde. In gewisser Weise habe ich mich also an solche Meldungen gewöhnt. Aber der Monatsspruch für Mai holt mich ganz schnell aus meinen Verdrängungsfantasien. Denn das eindringliche Bild, das der alttestamentliche Prophet Joel zeichnet, trifft voll in unsere Zeit. Vordergründig – und darüber hinaus. Denn da heißt es:
Zu dir rufe ich, HERR; denn Feuer hat das Gras der Steppe gefressen, die Flammen haben alle Bäume auf dem Feld verbrannt. Auch die Tiere auf dem Feld schreien lechzend zu dir; denn die Bäche sind vertrocknet.

Ja, danke, denke ich mir. Ständig lese ich von apokalyptischen Zukunftsszenarien und jetzt kommt da auch noch ein Prophet aus vorchristlicher Zeit und predigt mir ein schlechtes Gewissen! Das brauche ich jetzt wirklich nicht! Ich tue doch schon, was ich kann! Ich trenne Müll, fahre Bahn, kaufe bewusst ein, verzichte auf Fleisch, spende an Umweltprojekte und versuche meinen CO2-Fußabdruck möglichst klein zu halten … Was soll ich denn noch tun?
 
Natürlich weiß ich: Joel spricht da über seine Zeit. Die Katastrophen, die der Prophet so drastisch schildert und die mir die Nachrichtenbilder der letzten Monate ins Gedächtnis treibt, sollen seiner Ansicht nach den „Tag des Herrn“ einleiten; ein Gerichtsereignis, das nur durch Umkehr und Reue abzuwenden ist. Joel geht es also weniger um den menschlichen Raubbau an Natur und Umwelt, sondern eher um eine spirituelle Dimension der „Umweltzerstörung“, nämlich die mangelnde Ausrichtung der Menschen auf Gott und dessen Willen. Was Joel beschreibt, ist also Gottes aktives Tun – und nicht menschengemacht, wie wir es aktuell erleben. Gott greift in der Vorstellung Joels (und vieler seiner damaligen Propheten-Kolleg:innen) nicht nur ein, wenn die Menschen nur noch in ihr egoistisches Klein-Klein verstrickt sind und darüber Gottes Gebote vergessen (wollen), nein, er greift durch. Und zwar in aller Schärfe.
 
Eigentlich ein ganz reizvoller Gedanke auch für das Hier und Jetzt, wenn Gott mal wieder so richtig auf den Tisch hauen würde, überlege ich mir. Denn da gäbe es nicht nur im Hinblick auf unseren sehr mangelhaften Umgang mit seiner Schöpfung jede Menge Handlungsbedarf: Der Krieg in der Ukraine und in Nahost, die Demontage der Demokratie in den USA (und ähnliche Ansätze hier bei uns), das Erstarken der politischen Rechten und das angespannte politische und soziale Klima … Da bleibt vieles auf der Strecke, was zu meinen christlichen Grundüberzeugungen gehört, allen voran der Raum für Schwachheit, Unangepasstheit und „Anderssein“ … oder schlicht: die Wahrnehmung unserer Mitmenschen als Ebenbilder Gottes.
 
Wäre es da nicht schön, wenn Gott mal so richtig Blitze regnen ließe, um sich Gehör zu verschaffen und zu uns hinunterrufen würde: „Jetzt seid doch endlich mal nett zueinander und respektiert euch gegenseitig (und mich!), verdammt nochmal!“ – Ja, das würde mir ganz gut gefallen! - Allerdings nur, solange es mich selbst nicht betrifft. Denn hier liegt die Crux: Der „Tag des Herrn“, von dem Joel spricht, (be)trifft nämlich nicht nur die anderen, sondern auch mich! Ich kann mich da nicht herausreden, denn ich habe Anteil an der Welt, wie sie ist. Im Guten – aber eben nicht nur da. Und wenn ich mal ganz ehrlich mit mir selber bin: Auch ich vergesse in meinem Klein-Klein oft genug, worauf es eigentlich ankommt. 
 
Eins allerdings möchte ich mir von Joel abschauen: Wie er da mit Gott in Dialog tritt, ist ein kluger Move. Anstatt zu resignieren angesichts der Krisen seiner Zeit, spricht er Gott an, im festen Glauben, dass er die Geschicke der Welt nicht nur wenden kann, sondern auch wenden wird. Anstatt mit dem Finger auf andere zu zeigen oder den Kopf in den Sand zu stecken (was zugegebenermaßen angesichts der Krisen meiner Zeit eine meiner „Lieblingsstrategien“ ist), richtet sich Joel auf Gott aus. - Und vertraut. Vertraut darauf, dass Rettung möglich ist. - Trotz seines ganzen Frusts mit der Welt und seinen Mitmenschen. Oder vielleicht genau deshalb?
 
Ein anderer großer Denker, der Theologe Karl Barth, war ebenfalls gut darin, Gott in dunklen Zeiten zu vertrauen - ähnlich wie Joel. In der Nacht vor seinem Tod bringt er diese Überzeugung in einem Telefonat mit einem Freund auf den Punkt: „Ja, die Welt ist dunkel. .... Nur ja die Ohren nicht hängen lassen! Nie! Denn es wird regiert, nicht nur in Moskau oder in Washington oder in Peking, sondern … hier auf Erden, aber ganz von oben, vom Himmel her!“ 
 
Ich möchte mir beide zum Vorbild nehmen: Joel und Karl Barth, und mich im Vertrauen üben. - Im Vertrauen darauf, dass sich die Welt zum Guten wenden kann, weil Gott trotz allem die Fäden in den Händen hält. Und dass ich ihn um Hilfe bitten kann; immer und überall dort, wo ich an meine Grenzen stoße – und sonst auch.
 
Simone Heidbrink