Heike Springhart: „Es bleibt eine Herausforderung, an allen Stellen genau hinzusehen“
- 20.01.2025 -
Ein Jahr ForuM-Studie / Missbrauchsfall von Löffingen wird gemeinsam mit der Universität Wuppertal aufgearbeitet
Karlsruhe, (20.01.2025). „Im Umgang mit sexualisierter Gewalt haben wir als Landeskirche und Diakonie einen Lernweg zurückgelegt. Dennoch haben wir noch viel vor uns, um zu einem betroffenengerechten und opfersensiblen Umgang mit sexualisierter Gewalt zu kommen“, betont Heike Springhart, Landesbischöfin der Evangelischen Landeskirche in Baden, ein Jahr nach der Veröffentlichung der ForuM-Studie. „Es bleibt eine Herausforderung, an allen Stellen genau hinzusehen, Herz und Verstand zu öffnen für die Gewalt, die Menschen in der Diakonie und in der Kirche zugefügt wurde und auch noch zugefügt wird und entsprechend zu handeln.“
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Der Beschluss von konkreten Maßnahmen als Konsequenzen aus den Erkenntnissen der ForuM-Studie durch die Synode der EKD in Würzburg ist ein richtiger und wichtiger Schritt gewesen und zeige in seiner Bandbreite - von einem Kulturwandel über vertiefte theologische Reflexion bis zur Schaffung einer Ombudsstelle und der Überarbeitung der Gewaltschutzrichtlinie - wie vielschichtig die Konsequenzen sein müssen. „Zugleich gehört zu einer realistischen Aufarbeitung auch die Anerkenntnis, dass sich das Leid und die Gefährdung durch sexualisierte Gewalt nie ganz und gar erledigen oder abarbeiten lassen. Gerade weil das so ist, ist das entschiedene Handeln in konkreten Schritten nötig und unhintergehbar“, sagt Heike Springhart.
Einer der ersten konkreten Schritte, die die Evangelische Landeskirche in Baden nach Veröffentlichung der ForuM-Studie gegangen ist, war die Bewilligung von drei zusätzlichen, unbefristeten Vollzeitstellen im Bereich Prävention, Intervention und Aufarbeitung. Mit Beginn des neuen Jahres sind nun alle drei Stellen besetzt. „Dadurch ist es uns unter anderem möglich, unsere Rechtsträger bei der Erarbeitung von Schutzkonzepten zu unterstützen und im Feld der Prävention das Schulungsangebot auszudehnen“, sagt Bernd Lange von der Stabstelle Schutz vor sexualisierter Gewalt.
Zusätzlich zu den seit Jahren verpflichtenden Schulungen für Mitarbeitende im Bereich der Kinder- und Jugendarbeit wird der Blick auf haupt- und ehrenamtliche Leitungskräfte und Personalverantwortliche intensiviert. Dies ist ein Punkt, den die novellierte EKD-Gewaltschutzrichtlinie vorsieht und der einheitliche Standards bei der Aufarbeitung und Prävention ermöglichen soll.
Eine weitere Vereinbarung soll zur Vereinheitlichung von Unterstützungsleistungen führen. Der Entwurf der Anerkennungsrichtlinie der EKD lag jüngst den Landeskirchen und den diakonischen Werken zur Stellungnahme vor. „Wir stehen diesem Entwurf sehr positiv gegenüber und würden es befürworten, wenn er in dieser Form verabschiedet wird“, sagt Bernd Lange.
Der Aufbau der Unabhängigen Regionalen Aufarbeitungskommission (URAK) Südwest befindet sich im Zeitplan. Das siebenköpfige Gremium soll die regionale Aufarbeitung von Fällen sexualisierter Gewalt im Bereich der evangelischen Kirchen in Baden und der Pfalz sowie ihrer diakonischen Werke leisten und seine Arbeit im Frühjahr aufnehmen. Neben den zwei Vertreterinnen aus Kirche und Diakonie stehen inzwischen auch zwei von drei Experten fest, die auf Vorschlag der Landesregierungen in Rheinland-Pfalz und Baden-Württemberg in der Kommission mitarbeiten werden. Die Gespräche zur Besetzung der dritten Expertenstelle für die URAK Südwest, deren Geschäftsstelle seit dem 1. September besetzt ist, befinden sich auf einem guten Weg.
Dazu kommen zwei Personen aus dem Kreis der Betroffenen. Diese werden voraussichtlich am Freitag, 24. Januar, gewählt. Dann treffen sich die Betroffenen, die bei der weiteren Aufarbeitung mitwirken möchten, um ihre Vertretung zu bilden. „Damit ist die URAK Südwest grundsätzlich arbeitsfähig“, freut sich Bernd Lange. In Absprache mit der Unabhängigen Beauftragten für Fragen des sexuellen Missbrauchs (UBSKM) sollen die bundesweit neun URAKs allerdings zeitgleich in diesem Frühjahr ihre Arbeit aufnehmen. Ein konkretes Datum gibt es dazu noch nicht.
Unabhängig von der URAK hat die Evangelische Landeskirche in Baden ihre landeskirchliche Aufarbeitung von Fällen sexualisierter Gewalt nach der Veröffentlichung der ForuM-Studie vor einem Jahr fortgesetzt und intensiviert. Bislang sind Fälle von 190 Betroffenen (73 Evangelische Landeskirche in Baden/92 Diakonie Baden/25 unbekannt) im Bereich der Evangelischen Landeskirche in Baden und des Diakonischen Werkes in Baden bekannt. Zwölf dieser Fälle (8 Evangelische Landeskirche in Baden und 4 Diakonie Baden) sind nach der Veröffentlichung der ForuM-Studie hinzugekommen.
Bei einem handelt es sich um den Fall eines verstorbenes Kirchenmusikers. Nachdem gegen ihn im vergangenen Jahr im Rheinland der Vorwurf von Fällen sexualisierter Gewalt an Kindern bzw. Jugendlichen in den 1960er und 1970er Jahren bekannt geworden ist, hatte die Evangelische Landeskirche in Baden ihrerseits mit einem Aufruf nach möglichen Opfern im Südbadischen gesucht. Dort ist der Organist von Mitte der 1980er Jahre bis 2012 in den Kirchengemeinden Löffingen und Bickensohl als Organist tätig gewesen. Nach weiteren Recherchen in den Archiven und vor Ort wird dieser Fall ab diesem Frühjahr nun in Kooperation mit der Evangelischen Kirche im Rheinland eine gemeinsame wissenschaftliche Aufarbeitung durch die Bergische Universität Wuppertal erfahren.