Auch mit Querdenkern im Gespräch bleiben
Landesbischof Cornelius-Bundschuh zu Impfpflicht, sexuellem Missbrauch und Umbau von Kitas
Karlsruhe, (20.08.2021). Angesichts der zunehmenden Polarisierung in der Gesellschaft ist es nach Auffassung von Landesbischof Jochen Cornelius-Bundschuh wichtig, weiter aufeinander zuzugehen. Auch mit Querdenkern versuche die Kirche im Gespräch zu bleiben, sagte er im Gespräch mit dem Evangelischen Pressedienst (epd).

Quelle: ekiba / David Groschwitz - eingebettet von www.ekiba.de
epd: Herr Landesbischof, die Corona-Pandemie hat eine Polarisierung in der Gesellschaft deutlich gemacht. Nimmt dies Ihrer Ansicht nach zu?
Cornelius-Bundschuh: Es gibt einige Gruppen in der Gesellschaft, die meinen, durch Polarisierung würden sie an Einfluss gewinnen. Das ist ein Irrweg , den wir auf keinen Fall mitmachen werden. Als Kirchen leben wir aus der Versöhnungsbotschaft. Ich sehe in jedem, auch wenn er eine andere Meinung hat, ein Gegenüber, das mir von Gott anvertraut ist. Da kann ich nicht auf Abwertung setzen, sondern muss auf die andere Person zu gehen.
epd: Wie kann die Kirche zwischen verhärteten Fronten vermitteln?
Cornelius-Bundschuh: Auch mit Leuten, die sich zu den Querdenkern zählen, versuchen wir im Gespräch zu bleiben, ohne deswegen unsere Position aufzugeben. Wieviel Bewegung aufeinander zu allerdings im Moment möglich ist, weiß ich nicht. Ich sehe nicht, dass wir derzeit zu eindeutigen gemeinsamen Lösungen kommen werden. Wichtig ist es aber zu verhindern, dass Menschen andere gefährden, etwa indem sie keine Masken tragen.
Wir haben als evangelische Kirche keine einfachen Antworten zu bieten auf Fragen, die kompliziert sind. Es weiß niemand, wann wir mit diesem Virus so selbstverständlich wie mit einem Grippevirus leben werden.
epd: Wie sehen Sie die Diskussion um eine Impflicht?
Cornelius-Bundschuh: Ich bin gegen eine Impfpflicht. Ich halte es aber für richtig, dass sich möglichst viele Erwachsene impfen lassen, um sich selbst und andere zu schützen. Das hat etwas mit Rücksichtnahme zu tun, zum Beispiel gegenüber Menschen, für die eine Impfung ein Risiko darstellt, oder im Blick auf Kinder, bei denen die Folgen einer Impfung noch nicht abschließend geklärt sind. Ich gehe davon aus, dass Impfen jetzt die richtige ethische Entscheidung ist, für die wir die Menschen gewinnen müssen. Wir haben nur mit Impfungen eine gute Chance, mehr Gemeinschaft und Begegnung zu ermöglichen, die viele in den letzten anderthalb Jahren so vermissen.
epd: Wie hat die Corona-Pandemie die Seelsorge verändert?
Cornelius-Bundschuh: Viele Menschen sind erschrocken. Sie dachten, sie hätten ihr Leben in der Hand. Aber Corona und jetzt auch die Unwetterkatastrophe haben das infrage gestellt. Die einen reagieren darauf niedergeschlagen und depressiv, andere gehen in einen Aktionismus, die dritten werden auf einmal Querdenker. Kirche will Mut machen und Menschen Kraft geben, nicht nur an sich selbst zu denken. Aber wir sind auch realistisch: Wir wissen, dass alles, was wir tun, Grenzen hat, dass wir nicht alles können und dass wir einander Dinge schuldig bleiben.
epd: Die Pandemie hat die Digitalisierung beschleunigt. Werden Jugendliche über das Internet besser erreicht?
Cornelius-Bundschuh: Für Jugendliche war Corona nicht leichter als für Erwachsene. Im Religionsunterricht und Konfirmandenunterricht haben wir gemerkt, dass es die Jugendlichen am meisten vermisst haben, nicht nebeneinander zu sitzen und sich zu knuffen. Sie daddeln zwar auch nebeneinander. Aber sie wollen trotzdem die Nähe, die Berührung und das Ausprobieren, wo finde ich Anerkennung, wer hat hier was zu sagen. Wir müssen in der Kirche für die Jugendlichen mehr Platz machen und stärker nachfragen, was sie sich von Kirche erwarten, statt feste Angebote zu machen. Die jungen Leute wachsen heute ganz anders auf als vor 40 Jahren.
epd: Es gibt immer weniger Kirchenmitglieder. Sinkt die Relevanz der Kirche in der Gesellschaft?
Cornelius-Bundschuh: Die Relevanz der Kirche hat nicht nur mit Mitgliederzahlen zu tun, sondern damit, wie wir Menschen in ihrem Gottvertrauen stärken und ermutigen, Verantwortung für das Gemeinwesen zu übernehmen. Handeln wir so, dass viele Menschen denken: Das sollten eigentlich alle so machen? Sind wir in der Lage, überzeugende Antworten zu formulieren? Können wir in Corona-Zeiten Menschen Mut machen und sie trösten? Im Übrigen bin ich der Meinung, dass die Austrittszahlen nicht so entscheidend sind wie die Eintrittszahlen. Denn die Eintritte zeigen, wie stark wir mit unserer Botschaft in die Gesellschaft ausstrahlen.
epd: Wie sieht es damit aus?
Cornelius-Bundschuh: Wir sind inzwischen eine moderne Organisation, in die man ein- und austreten kann. Wir haben etwa 1.200 bis 1.300 Eintritte pro Jahr. Ich wünsche mir, dass die Eintritte sich verdoppeln. Das wäre nicht viel. Es würde bedeuten, dass jede unserer etwa 600 Gemeinden versucht, pro Jahr nicht zwei Menschen zu gewinnen, sondern vier.
Dazu müssen wir auch deutlich machen, dass das, was wir mit Worten und Taten flächendeckend tun, auch Geld kostet: Seelsorge, Gottesdienste, Begleitung an wichtigen Lebensübergängen, Bildungsangebote, Kinder- und Jugendarbeit, Kirchenmusik. Ohne Mitglieder, die ihre Kirche finanziell tragen, ist all das nicht möglich.
epd: Ein Plädoyer für den Erhalt der Kirchensteuer in der jetzigen Form?
Cornelius-Bundschuh: Ich halte die Kirchensteuer für eines der gerechtesten Finanzierungssysteme von Kirche. Und es ermöglicht unserer Kirche, nicht zuerst an die zu denken, die kommen und bezahlen, sondern gerade auch für die da zu sein, die Hilfe und Trost brauchen. Ohne Kirchensteuer können wir zum Beispiel nicht mehr so viele Klinikseelsorger haben. Ich glaube nicht, dass die Kliniken die Seelsorge von sich aus finanzieren werden.
epd: Die Kirchensteuer ermöglicht auch den Umbau von Kindertagesstätten zu Familienzentren?
Cornelius-Bundschuh: Ja, das ist ein gutes Beispiel. Hier können wir umfassend zeigen, dass unsere Botschaft das ganze Leben betrifft. Ich kann mir vorstellen, dass so ein Familienzentrum gerade im ländlichen Bereich eine Art Zentrum des örtlichen Lebens wird. Wir haben das Problem, dass sich viele Einrichtungen und Geschäfte aus dem ländlichen Raum zurückziehen. Das wollen wir als Kirchen nicht! Manchmal sind wir schon heute die Letzten, die noch da sind.
Wichtig wäre, gemeinsam mit anderen, den Kommunen, den Vereinen, eine Lösung zu suchen, auch mit der katholischen Kirche.
Wir werden uns nicht überall mehr ein Gemeindehaus leisten können, aber vielleicht eine Kita gemeinsam mit der Kommune, die dann als Familienzentrum der Mittelpunkt des örtlichen Lebens sein kann. Dort könnte es dann einen Raum geben, den etwa auch der Posaunenchor, der Gesangverein und der Sportverein nutzen kann.
epd: In der Öffentlichkeit wird das Bild der Kirche durch den Missbrauchsskandal geprägt. Wie wirkt sich das aus?
Cornelius-Bundschuh: Die Kirchen müssten sich als Vorreiter einer Bewegung verstehen, die sexualisierte Gewalt in der Gesellschaft möglichst weit zurückdrängt. Wir müssen deutlich machen, dass es um die Opfer geht und nicht in erster Linie um den Schutz von Institutionen.
Das können wir glaubwürdig nur, wenn wir selbst vorangehen und uns ernsthaft dem stellen, was an Schrecklichem auch in unserer Kirche geschehen ist. Deshalb ist es wichtig, die Fälle in der evangelischen Kirche unabhängig und in guter Kooperation mit den Betroffenen aufzuarbeiten. Dazu gehört auch die wissenschaftliche Aufarbeitung, die die Risikofaktoren herausarbeitet, und natürlich ganz besonders die Prävention.
Sexualisierte Gewalt ist ein Problem der evangelischen und katholischen Kirche; aber auch andere gesellschaftliche Bereiche wie der Sport, Schulen und andere Bildungseinrichtungen sind betroffen. Am Ende ist Missbrauch ein gesellschaftliches Thema. Das werden wir nicht los.
Quelle: epd



