Kirchliche Angebote in Gebärdensprache sind unverzichtbar
Pfarrerin Melanie Keller-Stenzel zur Gehörlosenseelsorge in der Corona-Krise
epd: Welche Rolle spielen Seelsorger und Seelsorgerinnen für gehörlose Menschen in der Corona-Pandemie?
Keller-Stenzel: Die Gehörlosenseelsorge spielt eine wichtige Rolle, weil sie die Menschen im Blick hat, die sonst oft durchs Raster fallen: Gebärdensprachlichen Menschen sieht man ihre Gehörlosigkeit nicht an. Ich sage bewusst «gebärdensprachliche» Menschen, weil sich gehörlose Menschen zumeist über ihre Sprache definieren.
Die meisten tauben Menschen, also gehörlos geborene oder in den ersten Lebensjahren ertaubte Menschen, nutzen Gebärdensprache als Erstsprache und sind Teil einer sprachkulturellen Minderheit. Sie nutzen also eine Sprache, die sich grundsätzlich von der deutschen Lautsprache unterscheidet.
epd: Inwiefern?
Keller-Stenzel: Die Deutsche Gebärdensprache (DGS) ist eine visuell-manuelle Sprache mit einer eigenen Grammatik. Neben den Gebärden an sich, den Handzeichen, ist vor allem die Mimik wichtig.
Auch das Mundbild spielt für manche eine Rolle. Für die Gebärdensprache gibt es keine Schriftform. Erst die simultane Dolmetschung in Gebärdensprache macht eine barrierefreie Teilhabe möglich.
epd: Wie sieht es mit der gesellschaftlichen Teilhabe aus?
Keller-Stenzel: Die Coronakrise zeigt augenfällig, dass schwerhörige Menschen und gebärdensprachliche Menschen von Kommunikation in der lautsprachlichen Mehrheitsgesellschaft häufig ausgeschlossen sind. Auch innerkirchlich stehen die wenigsten Angebote auch mit Gebärdensprache zur Verfügung. Das Bewusstsein für barrierefreie Kommunikation wächst aber derzeit enorm.
Ich bin sehr froh, dass die badische Landeskirche mit dem gedolmetschten Karfreitags-Gottesdienst des Landesbischofs ein Zeichen für die Inklusion gesetzt hat. Neben allen gedolmetschten Formaten bleiben aber genuine kirchliche Angeboten in Gebärdensprache unverzichtbar.
epd: Welche Kommunikationsmöglichkeiten gibt es in der Krise?
Keller-Stenzel: Viele nutzen die Möglichkeit zu mailen. Es gibt auch Chatseelsorge-Angebote. Viel häufiger aber ist das Videotelefonat, weil es auch in Gebärdensprache möglich ist. Auch Textnachrichten über Messengerdienste werden sehr gern genutzt. Es ist unkompliziert und darüber lassen sich neben kurzen Texten, Fotos oder kurze Gebärdenvideos senden.
epd: Wie gelingt das ohne Computer und Smartphone?
Keller-Stenzel: Wer keinen PC oder Smartphone hat, nutzt für eine relativ schnelle Kommunikation das Fax. Das ist für etliche ältere Menschen in unseren Gemeinden immer noch ein wichtiges Verständigungsmittel. Wir schicken von der Geschäftsstelle auch mehr Briefe als sonst.
Der persönliche Kontakt ist aber durch nichts ersetzbar. Denn nicht jedem gelingt es, emotional stabil durch diese Zeit zu kommen.
Einige Menschen ziehen sich ganz zurück. Das macht mir ehrlich gesagt große Sorgen.
epd: Wie feiern Sie Gottesdienste?
Keller-Stenzel: Derzeit sind die Gottesdienste mit Gebärdensprache noch ausgesetzt. Zu den Gottesdiensten gehört immer das Gemeinschaftserlebnis. Einige Gemeinden essen vorher gemeinsam zu Mittag und bleiben danach zum Kaffeetrinken. Für viele ist es eine seltene Möglichkeit, sich ungezwungen und unbeobachtet in der eigenen Sprache zu unterhalten.
Quelle: epd-Südwest
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