„Gemeinsam aushalten, was nicht auszuhalten scheint“
Notfallseelsorger Daniel Paulus über seine Arbeit
Wie die Corona-Krise die Einsätze der Notfall-Seelsorgenden verändern wird, kann Daniel Paulus nicht voraussagen. Die größte Herausforderung für ihn ist, einsatzfähig zu bleiben. Er leitet evangelischerseits die Notfallseelsorge im Karlsruher Stadt- und Landkreis ehrenamtlich.
Welche Einsätze sind für Sie „normal“?
Daniel Paulus: Die Notfallseelsorge im Stadt- und Landkreis Karlsruhe leisten rund 60 Männer und Frauen, fast alle ehrenamtlich. Sie haben eine gründliche Ausbildung hinter sich. Rund zwei Drittel sind darauf spezialisiert, Menschen in akuten Krisensituationen zu begleiten (Team der Krisenintervention). Vorwiegend im kleinen häuslichen Rahmen, aber auch bei schweren Verkehrsunfällen oder anderen dramatischen Unglücken draußen. Wenn z.B. ein Angehöriger stirbt, weil er vergeblich wiederbelebt wurde, die Polizei eine Todesnachricht überbringt oder aufgrund von Suizid. Dabei geht es um die Betreuung von einzelnen Menschen.
Daniel Paulus: Die Notfallseelsorge im Stadt- und Landkreis Karlsruhe leisten rund 60 Männer und Frauen, fast alle ehrenamtlich. Sie haben eine gründliche Ausbildung hinter sich. Rund zwei Drittel sind darauf spezialisiert, Menschen in akuten Krisensituationen zu begleiten (Team der Krisenintervention). Vorwiegend im kleinen häuslichen Rahmen, aber auch bei schweren Verkehrsunfällen oder anderen dramatischen Unglücken draußen. Wenn z.B. ein Angehöriger stirbt, weil er vergeblich wiederbelebt wurde, die Polizei eine Todesnachricht überbringt oder aufgrund von Suizid. Dabei geht es um die Betreuung von einzelnen Menschen.
Ein Drittel, das Team der Einsatznachsorge (ENT), kümmert sich nur um Einsatzkräfte, z.B. Feuerwehrleute und Rettungsdienstmitarbeiter, spricht nach belastenden Einsätzen einzeln mit ihnen oder in der Gruppe. Das ist wichtig für die psychosoziale Gesunderhaltung, und um die Einsatzkräfte darin zu unterstützen, nach besonders belastenden Einsätzen gut für sich zu sorgen. Wir sind fest im Rettungssystem verankert und werden im Notfall nach Einschätzung der Lage durch Fachkräfte über die Integrierte Leitstelle angepiepst. Alle sind rund um die Uhr auf Abruf, aber in unterschiedliche örtlich begrenzte Alarmzonen eingeteilt. Der (oder die) erste, der frei ist, meldet sich bei der Leistelle und wird von ihr weitergeleitet.
Treten nun die üblichen Notfälle in den Hintergrund der Corona-Krise?
Daniel Paulus: Zunächst einmal gibt es weiterhin normale Notfälle, wie ja auch in den Krankenhäusern. Da sind wir verlässlich da. Möglicherweise werden wir bald besonders gebraucht, für die Krisenintervention und die Einsatzkräftenachsorge. Wir sind ja gegenwärtig noch vor der erwarteten Welle an Erkrankungen.
Können Sie noch ungehindert arbeiten?
Daniel Paulus: Ja. Derzeit haben wir tatsächlich eine „normale“ Einsatzlage. Im vergangenen Jahr hatten wir 416 Einsätze allein in der Krisenintervention (2018: 260). Unsere Einsatzzahlen haben sich also unabhängig von Corona im vergangenen Jahr schon fast verdoppelt. Dieses Jahr sind wir bei aktuell 50 Einsätzen seit Januar vor allem wegen plötzlicher Todesfälle, Begleitung der Überbringung von Todesnachrichten und aufgrund von Suiziden. Der kritischste Punkt für uns ist tatsächlich die Verletzlichkeit von innen heraus. Auch unsere Mitarbeitenden können erkranken. Es könnte tatsächlich der Fall eintreten, dass Einsätze nicht mehr geleistet werden oder im worst case sogar die Arbeit temporär eingestellt wird.
Gibt es einen Unterschied zum Arbeiten in der Krise?
Daniel Paulus: Wenn wir jetzt zu jemand nach Hause kommen, heißt es Abstand halten, wir können anstecken und andere uns. Das konkrete Vorgehen wird aktuell bei jedem einzelnen Einsatz mit der Leitstelle und den Rettungskräften bzw. der Polizei eng abgestimmt. Gerade bei häuslichen Einsätzen muss genau überlegt werden, was nun möglich ist. Da wir selbst keine Corona-Schutzkleidung haben, ist unsere Arbeit derzeit nur innerhäuslich möglich, wenn es keinen Verdachtsfall gibt. Auch dann halten wir den Mindestabstand ein. Das funktioniert übrigens. Wir gehen immer sehr grenzachtend und sensibel mit körperlicher Nähe um. Im Moment schauen wir, ob man sich vielleicht draußen auf die Terrasse setzen kann und sitzen nicht direkt gegenüber. Das ist gar nicht so schlimm. Unsere Arbeit ist in erster Linie nicht körperlich. Wir können auch so spüren lassen, dass wir nahe sind. Manchmal kommt der Bestatter, und wir sprechen darüber, wie man Abschied nehmen kann. Da sind ja Ängste: Darf ich die Leiche überhaupt anfassen? Wir machen Mut zu Ritualen. Aber wir beten nicht automatisch, sondern schauen uns das Wohnzimmer an, hängt dort ein Segensspruch? Gibt es Familienfotos, auf denen Angehörige abgebildet sind, von denen jemand kommen kann, wenn wir dann wieder gehen? Wir machen auf die eigenen Stärken aufmerksam und lassen niemand allein. Unsere Hauptaufgaben sind, da zu sein, auch mal den Mund zu halten statt billigen Trost zu spenden, Klagen anzuhören, und auszuhalten, was schier nicht auszuhalten scheint.
Wir befinden uns alle in einer ganz besonderen Situation. Sicherlich werden noch Umstände kommen, die schwieriger zu gestalten sind. Wenn eine Infektion vorliegt, wird es nicht mehr möglich sein, sich von einem Verstorbenen mit Berührungen zu verabschieden. Dann müssen wir helfen, auch das auszuhalten.
Fürchten die Mitarbeitenden das Virus?
Daniel Paulus: Unsere Mitarbeitenden sind hoch motiviert. Sie wissen, dass sie wirklich helfen können. Wir als Leitung sind hier eher in der Fürsorgepflicht. Was geht noch? Was geht nicht? Wie gewährleisten wir in unserer Arbeit Infektionsketten zu unterbrechen. In beide Richtungen. Unsere Supervision kann natürlich nicht mehr in Gruppen fortgesetzt werden. Aber es gibt Telefonate bei Bedarf. Wir schauen auf die Einsatzprotokolle und reagieren, wenn sehr belastende Einsätze anstanden.
Wie können wir besser mit unerwarteten Ereignissen umgehen?
Daniel Paulus: In so einer Lage sind Informationen ganz wichtig. Oder Routinen, auf die man zurückgreifen kann. Und natürlich Hoffnung darauf, dass es eine Zeit danach gibt, eine neue Normalität. Das alles gibt Sicherheit in Zeiten der Unsicherheit. Menschen greifen in akuten Krisensituationen auf tief innen gelagerte Handlungsmuster zurück. Sie „funktionieren“. Nicht jeder weint oder schreit, wenn er erfährt, dass ein lieber Angehöriger plötzlich verstorben ist. Manche möchten dann Kaffee kochen und die Polizei und uns gut versorgen. Solche Muster bieten ihnen Stabilität, wenn alles zu zerbrechen scheint. Das ist für Einsatzkräfte genauso wichtig. Dass sie erst einmal funktionieren dürfen, danach aber für sich sorgen, der eine macht Sport, der andere redet über den Einsatz.
Ich denke im familiären Umfeld ist es wichtig, „Normalität“ einzuüben. Routinen zu leben. Informationen zu geben ohne zu dramatisieren. Meine Frau hat gestern mit unseren Kindern einen Regenbogen gemalt, den wir an das Fenster zur Straße gehängt haben. Wir haben dazu eine Kerze entzündet und mit unseren Kindern ein Gebet gesprochen. Ein kleines Zeichen unserer Hoffnung.
Welche Hoffnung haben Sie für die Zeit nach der Krise?
Daniel Paulus: Ich nehme durch die ganze Gesellschaft hinweg so einen positiven Zusammenhalt wahr und wünsche mir, dass wir uns von dieser Kraft etwas bewahren können.
Die Fragen stellte Sabine Eigel, ekiba intern
Info
Die Notfallseelsorge im Stadt- und Landkreis Karlsruhe ist eine ökumenische und in Kooperation mit dem Deutschen Roten Kreuz (DRK) getragene Initiative. Die meisten Mitarbeitenden sind evangelisch und katholisch beauftragt, etwa zehn aus dem DRK.




