Monatsspruch März 2025

Wenn bei dir ein Fremder in eurem Land lebt, sollt ihr ihn nicht unterdrücken. Lev 19,33

Manchmal frage ich mich ja dann doch, wie zufällig diese Sprüche ausgewählt sind.  - Wie bei diesem sehr passenden Monatsspruch für März 2025 zum Beispiel, eine knappe Woche nach der Bundestagswahl.

Gedanken von Simone Heidbrink


Die Auseinandersetzung, wie mit Migranten umgegangen werden soll, bewegt wohl die Gemüter schon sehr viel länger, als sie eine vermeintliche politische „Alternative“ zum Thema Nr. 1 unseres Landes macht. – So als gäbe es sonst keine Themen, über die man diskutieren könnte oder sollte!
 
"Wenn bei dir ein Fremder in eurem Land lebt, sollt ihr ihn nicht unterdrücken" (Lev 19,33).

Der Monatsspruch für März 2025 stammt aus Tora, den Gesetzesbüchern des Alten Testaments. Auch damals war wohl klar, dass man das Miteinander von Eingereisten und Einheimischen regeln sollte und zwar so, dass niemand unterdrückt wird. Ganz in der Nähe findet sich übrigens auch der Vers: „Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst“ (Lev 19,18). Ja klar, denke ich und rege mich darüber auf, dass wir das offensichtlich bis heute nicht gut hinbekommen. 

Zwei Worte sind mir aufgefallen, über die ich lange nachgedacht habe: der „Fremde“ und der „Nächste“. Im Alten Testament kommen beide Begriffe vor. Die Anweisungen der Bibel sind sehr klar:

"Der Fremde, der sich bei euch aufhält, soll euch wie ein Einheimischer gelten und du sollst ihn lieben wie dich selbst; denn ihr seid selbst Fremde in Ägypten gewesen" (Lev 19,34).

Auch wenn sich der Umgang zwischen Einheimischen und Fremden nicht unterscheiden soll, werden die Fremden in ihrer Fremdheit wahr- und ernstgenommen. Die Fremdheit bleibt bestehen und darf das auch. Das Alte Testament hatte mit „Leitkultur“ und Assimilationsdruck offenbar nichts im Sinn.

Ich denke also weiter nach. So einfach ist das mit der Definition von „Nächster“ und „Fremder“ in unserer postmodernen Gesellschaft nicht (mehr). Was zur Zeit der Israeliten am Sinai klar und vorwiegend im Hinblick auf ethnische Zugehörigkeit definiert war, verschwimmt heute zunehmend.

Vielleicht mach ich es mir ja zu einfach und muss die beiden Kategorien völlig neu denken? Denn es könnte ja sein, dass ich es mir in meiner selbstgerechten Komfortzone allzu gemütlich gemacht habe. Denn auch wenn ich ein großer Fan einer multikulturellen Gesellschaft bin, gibt es eine Menge Menschen, die mir fremd sind.
 
Ich denke da beispielsweise an diese eine Person in meiner Gemeinde, deren Überzeugungen (die sie gerne und oft und lautstark äußert) so gar nicht die meinen sind und von der ich – nur halb im Scherz – immer wieder sage, sie fordere meine Fähigkeit zur Feindesliebe sehr heraus.
 
Oder ich denke an meinen geschiedenen Mann, mit dem ich mich immer noch und immer wieder über den richtigen Weg, unsere gemeinsamen Kinder zu erziehen, in die Haare bekomme. – Und den ich regelmäßig am liebsten auf den Mond schießen würde.

Und dann denke ich an all die Menschen, deren politische Überzeugungen meinen so ganz und gar widersprechen und die mich unfassbar wütend machen. Denen ich am liebsten den Mund verbieten oder sie als dumm und ignorant abqualifizieren möchte. Spätestens da merke ich, dass meine Toleranz endlich ist. Und meine Hilflosigkeit groß. Und meine Angst noch viel größer.

Ich weiß noch nicht, wie ich mit dieser Art von Fremdheit umgehen soll. Zumal ich angesichts des Ergebnisse der Bundestagswahl feststellen muss: Es sind mir unglaublich viele Menschen fremd (geworden).
 
Dennoch muss ich – als Christin und Demokratin – diese Diskrepanz aushalten und gemeinsam mit ihnen weiterhin Gesellschaft gestalten. Und ich werde damit leben müssen, dass ich diese Menschen nicht von meinen Werten werde überzeugen können. Stattdessen werde ich lernen müssen, mit dieser Fremdheit umzugehen und sie trotzdem als meine Nächsten zu betrachten und zu achten. 
 
"Wenn bei dir ein Fremder in eurem Land lebt, sollt ihr ihn nicht unterdrücken."
 
Der Monatsspruch redet von Unterdrückung, die wir vermeiden sollen. Das bedeutet in meinem Verständnis: Ich soll nicht unterdrücken, was mein Eigenes ist und ich soll auch nicht andere Meinungen unterdrücken - und seien sie mir noch so fremd. 
 
Was aber noch lange nicht heißt, dass ich alles unwidersprochen akzeptieren und hinnehmen muss, insbesondere dann nicht, wenn unser demokratisches und solidarisches Miteinander oder unser gesellschaftlicher Frieden in Frage gestellt wird - im Kleinen wir im Großen und ganz egal, wie fremd mir mein Nächster ist! 
 
Wir alle werden nicht darum herum kommen, uns - jetzt noch mehr als zuvor - mit dem auseinanderzusetzen, was uns befremdet. Möge es respektvoll und friedlich sein! Gott gebe seinen Segen dazu! 

Mit herzlichen Grüßen von Elke Piechatzek
Simone Heidbrink