Teilhabe am Wort Gottes

- 15.11.2019 - 

Es sind immer zwei Menschen, die in einer Kommunikation behindert sind..

...die Seelsorgerin für Hörgeschädigte und Gehörlose Bergild Gensch geht in den Ruhestand..

21 Jahre war sie Seelsorgerin für die Hörgeschädigten und Gehörlose innerhalb der Landeskirche in Baden. Pfarrerin Bergild Gensch,

Pfarrerin Bergild Gensch,  eine Frau, die aufmerksam ist beim Kommunizieren, eine mit Lust an der Ganzkörperkommunikation, wie sie lächelnd erzählt. Eine, die es versteht mit Worten und Gesten zu berühren. Sie wollte immer rausfinden, wie sich Gott, das Heilige uns mitteilt.
1998, es war ein guter Zufall, als sie nach einigen Jahren als Klinikseelsorgerin in Emmendingen und Kork nach einer gestalttherapeutischen Zusatzausbildung in Freiburg wieder bei der Landeskirche nach einer Vollzeitstelle fragte. Die damalige Personalreferentin erzählte vom geplanten Ruhestand ihres Vorgängers im Landespfarramt für Gehörlose und Bergild Gensch zeigte Interesse. Sie machte sich kundig und ließ sich ein. Sie lernte die Welt der Gehörlosen kennen und bemerkte, sie muss viel lernen und üben, damit sie in der Kommunikation nicht selbst behindert wurde. Als neugierige Seelsorgerin war sie hier genau richtig.

Bergild Gensch war  21 Jahre lang Pfarrerin der Landeskirche für Gehörlose und Hörgeschädigte. Sie hat etwas bewirkt in der für sie zunächst „fremden Welt“. Sie ist heimisch geworden, spürbar, im Gespräch, im Diskurs, im Austausch für und mit hörgeschädigten Menschen.

Das Thema Inclusion stellt sie  im Gespräch eindrücklich auf den Kopf.  Stellt klar, wer behindert ist und wann, und zwar in der Kommunikation. „Nicht nur gehörlose Menschen sind behindert in der hörenden Welt. Die Frau an der Metzgerstheke, die eine Bestellung entgegen nehmen will, ist es in diesem Moment ja genauso wie ihre gehörlose Kundin, behindert in dem, was sie mitteilen will.“
Kommunikation brauche doch  immer Aufmerksamkeit, auch in der hörenden Welt, die genauso voller Missverständnisse ist, nur viel wortreicher und lauter. 
Wer mit Bergild Gensch länger redet, spürt sie, die besondere Aufmerksamkeit dieser Seelsorgerin, die hinter Worte schaut, ins Gesicht  und auf die Finger.

Bergild Gensch ist aufmerksam im Gespräch, spürt ab, was ihr Gegenüber braucht.
Sie berichtet vom Generationenwechsel in der Gehörlosenwelt.  Wer älter ist als 50 Jahre und gehörlos, der gebärdet immer noch weniger, erzählt sie. Viele Jahre sei gebärden verboten gewesen. „Die Schülerinnen und Schüler der Taubstummenschulen mussten bis in die 50 er Jahre auf ihren Händen sitzen und wurden gezwungen, sich mit Lauten zu verständigen und Lippen zu lesen. Sie bekamen auf die Finger, wenn mit Händen gesprochen wurde.“
Das lautsprachbegleitende Gebärden war ein Ausweg: für viele der Ältere und auch für Bergild Gensch. Aber 'richtige' Gebärdensprache (Deutsche Gebärdensprache,) DGS und viele Familiensprachen musste sie auch lernen und den Menschen dabei auf die Finger und ins Gesicht schauen. Einfache Sätze finden, die der Grammatik der Gebärdensprache folgen und dazu gebärden. Das konnte sie gut. So gelang es ihr komplexe Zusammenhänge auszudrücken. Es geht auch andersrum, erzählt sie, Gebärden mit Sprache zu erklären, „Voicen“ nennt sich das dann.
Einfache Sprache sei immer das Schlüsselwort im Umgang mit hörgeschädigten Menschen, in gemeinsamen Veranstaltungen.
„Das ist sehr schwer“, diese Texte zu formulieren, zu finden als Hörende.
Aber sie liebt den Moment, wenn der Funke überspringt, und nicht nur zugeschaut und rezipiert wird, sondern die Fragen anfangen. Wo Wachstum möglich wird, da geschieht das „Heilige“, wie Bergild Gensch sagen würde. So lässt sich Gott mitteilen und es werden „Engel provoziert.“ Bergild Genschs Sprache ist einfach und eindrücklich. Man spürt ihre Aufmerksamkeit auch im Interview.
„Stellen Sie sich vor, ein gehörloses Kind, das im Laufstall die Klingel nicht hört und Mama verlässt den Raum.“ Mit solchen Geschichten macht sie deutlich, dass nicht hören können einfach Ausschluss von Information ist, dass eine eigene Welt inmitten der lauten Welt draußen entsteht.
Bergild Gensch kennt die Gehörlosenwelt gut, hat gelernt, was Schwerhörigkeit mit sich bringt. Sie hat zusammen mit der Landeskirche ein Projekt gestartet, um Induktionsschleifen einzubauen in badische Kirchen. Sie bringt dafür auch technische Informationen mit, weil sie stets alles wissen will, was Kommunikation fördert.

„Es braucht aber mehr als die Induktionsschleife und einen Gebärdendolmetscher, um Gehörlose und Schwerhörige in Gemeinde zu integrieren.“ Davon ist sie überzeugt.
Und so plädiert sie für eigene Seelsorger für Gehörlose, die gebärden und Lautsprache begleiten können mit Gebärden. Sie plädiert aber vor allem für eine einfachere Sprache in gemeinsamen Gottesdiensten, „Begegnungsgottesdiensten“ zweier Welten quasi.

Ein gebärdensprachlicher Mann aus der Gehörlosengemeinde habe ihr erklärt: "Wenn ich ein Gebet gedolmetscht sehe, dann kann ich vielleicht den Text verstehe. Wenn ich es aber vom Pfarrer gebärdet sehe, dann kann ich mitbeten." Erst dann. 
Sie rühren einen an, die Geschichten, die diese Seelsorgerin erzählt. Darum geht es ihr, den Moment, wenn eine Idee entsteht, eine Frage auftaucht, Wachstum möglich wird. Diesen Moment nennt sie heilig.
Bergild  Gensch war über 20 Jahre lang eine achtsame Seelsorgerin voller Neugier auf die ihr „fremde Welt“ der Gehörlosen. Mithilfe ihrer psychotherapeutischen Ausbildung gelang es ihr, Menschen zu begegnen, zu beraten und zu begleiten auf ihrem jeweils eigenen Weg.
Sie hat Übersetzungs- und Verstehensarbeit geleistet, weil sie will, dass alle teilhaben am Wort Gottes, unmittelbar in ihrer eigenen Kultur, in ihrem eigenen Leben. Sie wollte das „Heilige“ sich mitteilen lassen.
Teilhabe am Wort Gottes, aber auch Inclusion darf nicht verstanden werden als Dolmetscherarbeit in einer fremden Welt. Davon ist sie überzeugt. Es ist ihr gelungen, Begegnungsorte für Gott zu schaffen, dass hörende Gemeinde ihre eigene „Behinderung“ aufgibt und sich einlässt auf Kommunikation mit gehörlosen und schwerhörigen Menschen im gemeinsamen Gottesdienst.
Zahlreiche Begegnungsgottesdienste in Baden hat sie gestaltet. Zur Zeit auch für eine gehörlose Konfirmandin, die sie eng begleitet beim Konfirmationsgeschehen unter Hörenden.
Es ist komplett anders für Gehörlose, wenn der Pfarrer, die Pfarrerin selbst gebärdet, davon ist sie überzeugt.  Genau wie eine Lichtklingel in ihrem Beratungsraum gehört es für sie dazu, den Menschen in der Beratungssituation aber auch im Gottesdienst, keine Information in der direkten Begegnung vorzuenthalten. „Wenn es doch klingelt und ich das höre, dann soll mein Gegenüber das auch wissen, dass ich gerade abgelenkt bin“, erzählt sie. 
Bergild Gensch war nahe bei den Menschen, um sie teilhaben zu lassen, am Wort Gottes und am Heiligen. Sie freut sich auf den Ruhestand, auf das „Land der Freiwilligkeit ohne feste Termine und Verabredungen.“ Sie will im Ruhestand noch mal an der Uni Heidelberg studieren, weil sie auch den „wortreichen“ Diskurs liebt. Sie hat Lust, intellektuelle Diskurse mit vielen Worten zu führen.
Sie wird immer versuchen, zu verstehen, sich mitzuteilen, zu kommunizieren, um Begegnung zu schaffen und den Moment zu erleben, in dem Menschen miteinander wachsen können. „Ich überlege mich auszubilden lassen, als Clownin für Demenzkranke. Ein Lachen zu provozieren ist sicher eine wunderbare Aufgabe.“  Bergild Gensch wird sie behalten, ihre Neugier und ihre Lust an der Ganzkörperkommunikation. Sie ist froh, dass ihre Arbeit bei der Nachfolgerin in gute Hände gelegt werden kann. Sie hat dieses Arbeitsfeld viele Jahre geprägt und voran gebracht und kann nun mit guten Gefühl, Verantwortung abgeben.
Bergild Gensch wollte „Engel provozieren“ in ihren Predigten. Ganz sicher ist sie einer gewesen in ihren langjährigen Arbeit für und mit den Gehörlosen und Hörgeschädigten.
Am 1. Dezember 2019, 15 Uhr wird sie im Gehörlosengottesdienst in der Jakobuskirche in Heidelberg in den Ruhestand verabschiedet.
Ihre Nachfolge übernimmt Pfarrerin Melanie Keller-Stenzel.
Gottes Segen möge sie beide begleiten.

Autor / Autorin

Elke Piechatzek

Diakonin/ Beauftragte für Öffentlichkeitsarbeit & Fundraising