Podiumsdiskussionen

zur Bundestagswahl

„Einfach mal genau zuhören – mit Respekt und ohne Vorurteile“

Kirchen befragten Bundestagskandidaten zu wichtigen politischen Themen
 
Im September wird der Bundestag neu gewählt. Spätestens dann sind die Kandidaten der verschiedenen Parteien wieder auf den Wahlplakaten zu sehen. Doch wer sind sie? Wie ticken sie? Und wie stehen sie zu den Fragen und Themen, die gerade auch den Kirchen wichtig sind? Das katholische Dekanat Wiesloch und der evangelische Kirchenbezirk Südliche Kurpfalz haben nachgefragt und die Kandidaten des Wahlkreises Rhein-Neckar zu einem Podiumsgespräch nach Walldorf eingeladen. Über zwei Stunden lang stellten sich Jens Brandenburg (FDP), Stephan Harbarth MdB (CDU), Memet Kilic (Die Grünen), Achim Köhler (AfD), Andrea Schröder-Ritzrau in Vertretung von Lars Castellucci MdB (SPD) und Heinrich Stürtz (Die Linke) den Fragen von Moderator Daniel Meier, Pressesprecher der Evangelischen Landeskirche Baden.

Dass es dabei politisch gesehen keine wirklichen Überraschungen gab, war abzusehen. Was die Kandidaten sozialpolitisch vorhaben, wie sie zu Europa stehen, was sie über Fragen der Integration denken, was sie wirtschafts- und umweltpolitisch bewegt, was sie zu innerer und äußerer Sicherheit oder auch zu Fragen der (lebenslangen) Bildung meinen – das alles ist in den Wahlprogrammen ihrer Parteien nachzulesen. In einigen Punkten stehen sich die Parteien recht nahe: so wollen sie zum Beispiel grundsätzlich solidarisch mit Menschen sein, die Hilfe brauchen, im eigenen Land und darüber hinaus. Bei den Maßnahmen hingegen gehen die Meinungen auseinander: Asyl-, Flüchtlings- oder Einwanderungsfragen beantworten die Parteien ebenso unterschiedlich wie sie auf das Problem der wachsenden (Alters-)Armut in Deutschland reagieren möchten. Ähnlich ist es mit der Digitalisierung: dass sich die private und berufliche Lebenswelt durch die Digitaltechnik rasant verändern wird, vermuten alle. Doch was das für die Politik bedeutet, darin sind sich die Parteien uneins: die einen möchten schon jetzt offensiv gegensteuern und politische Weichen stellen; andere halten das für verfrüht, warten lieber ab, wie sich die Digitalisierung tatsächlich entwickelt und werden erst dann sozial und wirtschaftlich aktiv.

Wesentlich interessanter waren die Momente des Abends, bei denen die Kandidierenden als Person und weniger als Teil des politischen Systems gefragt waren. So zum Beispiel in der Schlussrunde, als Moderator Daniel Meier von jedem Politiker wissen wollte, was er persönlich aus den Beiträgen seiner politischen Konkurrenten gelernt hätte und mitnehme. Tatsächlich haben fast alle Politiker etwas Konkretes benannt. Für Klemens Gramlich, den Vorsitzenden des katholischen Dekanatsrates, lag genau darin der besonderes Reiz des Abends: „Diese persönlichen Antworten haben etwas davon verraten, welche Menschen da auf dem Podium sitzen, wie sie mit anderen Meinungen umgehen und von welchen Werten sie geleitet sind.“ Etwas über den „inneren Kompass“ der Politiker zu erfahren, sei wichtig, so Gramlich. Dadurch könne man ein gewisses Gefühl dafür bekommen, wer echt ist, wem man vertrauen und etwas zutrauen könne.

Die evangelische Dekanin Annemarie Steinebrunner zeigte sich erfreut darüber, dass solche Momente gegenseitiger Wertschätzung in der Diskussion möglich waren. Zu verdanken sei dies nicht nur der guten Vorbereitung durch das ökumenische Team gewesen. Die offene Gesprächsatmosphäre sei auch durch den souveränen Moderator, die sogenannten Anwälte des Publikums, die die vielen Fragen der rund 80 Besucher gesammelt und gebündelt vorgetragen hatten, und nicht zuletzt durch das faire Publikum selbst zustande gekommen.

Auch für den katholischen Dekan Jürgen Grabetz hat das gegenseitige aufmerksame Zuhören ganz entscheidend zum Gelingen des Abends beigetragen: „Ich glaube, wir müssen vor der Bundestagswahl ganz bewusst unseren Kopf ausschalten und uns dazu zwingen, einfach mal genau zuzuhören – mit Respekt und ohne Vorurteile.“ Man dürfe nicht immer schon gleich Gegenargumente mithören und abwägen, wenn andere ihre politische Meinung äußern. Nur wer aufmerksam zuhört, könne andere verstehen, das, was ihnen wichtig ist und was hinter ihrer politischen Meinung und Position steckt. Und dazu gehört für Grabetz angesichts der Bundestagswahl auch, sich genauer mit den Parteiprogrammen zu beschäftigen und eben auch da sehr aufmerksam zu sein: „Das ist mühsam, aber es ist unsere Pflicht als Wähler.“

Am Ende des Abends zollten Dekanin Steinebrunner und ihr Amtskollege Grabetz den Kandidaten große Anerkennung. Es gehöre viel dazu, sich politisch zu engagieren, sich zur Wahl zu stellen und für so manches den Kopf hinzuhalten. Und angesichts verletzender und oft unfairer Kritik, der Politiker gerade auch in den sozialen Medien immer wieder ausgesetzt sind, appellierten die beiden an die Gesellschaft, fair zu bleiben. Bei allem politischen Ringen und Streiten dürfe man eines nicht vergessen: Politiker sind Menschen wie andere auch und sie verdienten es, menschlich behandelt zu werden: mit Achtung und Respekt.

Thomas Macherauch
 
zu den Bildergalerien:
Walldorf 24. Julli 2017
(Fotos: Thomas Macherauch)
Hockenheimheim 26. Juli 2017
(Fotos : Carolin Gottfried)


 
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