Monatsspruch September 2026

Eine Hand voll Ruhe

Besser eine Hand voll mit Ruhe als beide Fäuste voll mit Mühe und Haschen nach Wind. (Kohelet 4,6)
Elke Piechatzek über Hände und Fäuste, über Mühe und Offenheit

 
Eine Hand voll Ruhe. Zwei Fäuste voll Mühe und Haschen nach Wind. Starke Bilder.

Der Monatsspruch September Satz stammt aus dem Buch Kohelet – "der Prediger", wie er auch genannt wird. Der Autor stellt sich als ein Sohn Davids vor, als dritter König in der Chronologie von Israel.
Salomos Tempel in Jerusalem ist sein Lebenswerk: der berühmte Tempel: kunstvoll, prächtig voller Prunk steht er da nach jahrelangem Bau. Salomo hatte Paläste, er befestigte Städte.  Er hat ausschweifend gelebt – Wein, Musik, viele Frauen. Sein Leben war erfüllt in jeder Weise.
Er schreibt aber selbst zu sich: "Als ich aber ansah alle meine Werke, die meine Hand getan hatte, und die Mühe, die ich gehabt hatte, siehe, da war es alles eitel und Haschen nach Wind und kein Gewinn unter der Sonne." (Kohelet 2,11)

"Eine Hand voll Ruhe" ist wohl das, wonach er sich mehr sehnt als alles andere. Ich denke darüber nach, wann ich mal eine Hand voll Ruhe hatte ohne dauernde Mühe, nochmal was zu verbessern oder zu erhaschen.

Ich schaue mir auch an, wie viele Fäuste zurzeit geballt werden. Im politischen Geschäft, ich sehe social media, ich höre den Wahlkampf und ich folge mit einigem Entsetzen Parlamentsdebatten. Der Ton ist nicht nur scharf, er ist aggressiv geworden, herablassend und beleidigend. Es ist soviel Hetze da draußen, in der jeder den anderen übertönt, wo Provokation und Grenzüberschreitung Normalität ist, um überhaupt wahrgenommen zu werden.

Beide Fäuste voll – das klingt erstmal nach viel. Der kräfte Mensch, der zu packen kann und den Erfolg in Händen hält. Hände voller Arbeit, gute Ergebisse. Geballte Fäuste können aber nichts mehr aufnehmen, sie können nicht mal richtig viel halten.
Sie können nur noch zuschlagen oder draufhauen. Sie sind starr und halten krampfhaft fest, was man sich geschaffen hat.

Kohelet sagt, die Fäuste haschen nach Wind.
Ein gutes Bild für das, was auf den ersten Blick gar nicht erkennbar ist. Fäuste haschen nach Wind. Wind ist ja nicht nichts. Man spürt ihn, er bewegt etwas, er ist wirklich da. Aber wenn Fäuste ihn  haschen wollen, wird es eben auch ziemlich sinnlos. Wind lässt sich nicht in die Faust sperren, noch nicht mal wirklich begreifen kann man ihn.

Im Hebräischen steht für "Wind" dasselbe Wort wie für "Geist" oder "Atem" – ruach.

Es gibt den Geist, der uns geschenkt wird, den Atem Gottes quasi.
Und es gibt den unnötigen Wind, den wir oft selbst machen. Den Wind um nichts.
Ich erlebe ihn bei mir und bei uns, auch im kirchlichen Leben. Es wird Wind gemacht, viel Wind.

Viele Worte, viel Betrieb, viele Sitzungen – und am Ende fragt man sich, was davon wirklich Geist hatte und was nur nichts war.

Haben wir auch eine Hand voll Ruhe beim Treiben oder sind wir eher die mit den geballten Fäusten?

Kohelet sagt: Ruhe. Einfach so, ohne Zusatz. Ruhe worin, wovon, wodurch – das sagt er nicht. Das ist typisch für ihn. Er tröstet nicht vorschnell, er verkündet keine Verheißung, er gibt keine frommen Antworten. Er könnte ja sagen, schaut her, ich bin der Gesalbte, ich weiß was Gott von uns will. Ich habe mir soviel erarbeitet und sage euch, wo sr lang geht. Sagt er nicht: Er sagt:
Besser eine Handvoll Ruhe als zwei geballte Fäuste, die nur noch Wind haschen voller Mühe.

Und diese Ruhehand, was hat es mit ihr auf sich? Nun: wer eine Hand voll hat, hat immer noch eine zweite.
Die eine trägt die Ruhe, ist fest, ist gewiss. Die andere bleibt frei.  Sie kann offen sein und auf andere zugehen. 

So könnte man doch gut leben:
gewiss in dem, was schon da ist – und offen für das, was noch kommt.

Nicht beide Hände verkrampft um alles geschlossen, sondern eine Hand, die hält, und eine Hand, die noch reichen kann.

Ich glaube nicht, dass Kohelet zur Faulheit rät, wenn er Ruhe anmahnt. Ein paar Verse vorher schimpft er über den, der die Hände einfach in den Schoß legt und sich selbst auffrisst. Es geht nicht um die Wahl zwischen Nichtstun und Kämpfen. Es geht um die Frage, was in unseren Händen sein darf – und was wir loslassen müssen, damit nicht das Erreichte zu geballten Fäusten führt.

Vielleicht ist das die Übung für diesen September: eine Hand offenlassen.
Spüren, was geistvoller Ruach ist und was nur vergeblicher Wind um Nichts, was sich zu kämpfen lohnt.
Mitten im politischen Geschäft, mitten in der Hetze, mitten im eigenen kirchlichen Betrieb.

Die Handvoll Ruhe, die Gewissheit, ja das haben wir erreicht, das ist uns geschenkt, und dann ist da noch eine Hand, die sich ausstrecken kann.
Nach anderer Meinung,
nach neuen Ideen,
nach "das ist noch nicht gut geklärt",
nach "ich kann das nicht alleine, hilf mir."

Lasst uns aus der Ruhe leben, ohne Fäuste zu ballen und mit einer offenen Hand für alle Menschen um uns, von denen wir glauben, dass der Geist sie eben auch erreichen möchte und kann.

Lasst uns nicht zu viel Wind um das machen, wofür es sich gar nicht lohnt, die Mühe aufzuwenden.

Gott segne unsere offene Hand und gebe der anderen die nötige Ruhe, am besten bevor sie sich ballt.


einen guten Start allen nach den Ferien 

Elke Piechatzek
Diakonin