Gedanken am Fluß über Erschöpfung, Ausgleich und Gerechtigkeit
von Elke Piechatzek
„Es ströme aber das Recht wie Wasser und die Gerechtigkeit wie ein nie versiegender Bach."
Monatsspruch Juli 2026

Sie sitzt am Wasser. Endlich.
Die Hitze drückt noch, aber hier am Ufer geht ein kleiner Wind. Sie schaut auf den Fluss. Das Wasser fließt – gleichmäßig, ruhig, unbeeindruckt von allem was gerade los ist in der Welt.
Eigentlich wollte sie abschalten. Aber der Kopf macht nicht mit.
Irgendwo über ihr zieht ein Kondensstreifen seine weiße Linie durch den blauen Himmel. Sie denkt kurz daran, wer da oben sitzt. Auf dem Weg wohin. Zum wievielten Mal in diesem Jahr.
Sie seufzt. Nicht dramatisch. Einfach so.
Sie hat viel organisiert in ihrem Leben. Viel gedacht, viel getragen, viel gesehen. Und dabei immer wieder gemerkt: Es gibt welche, die machen es sich verdammt einfach. Die denken nicht lang nach. Die fragen nicht wer das nachher aufräumt, wer das bezahlt, wer daran trägt. Viel zu oft ist Last ungerecht verteilt.
Das Wasser fließt weiter.
Amos war auch so einer, der nicht wegschauen konnte. Ein einfacher Mann, kein Priester, kein Theologe – er war Viehzüchter und Feigenbauer. Aber er sah was nicht stimmte. Und er sagte es laut. Vor fast dreitausend Jahren schon. Die Reichen feiern ihre Feste, die Armen kommen nicht mal vor. Das Recht existiert – auf dem Papier. Aber Gerechtigkeit? Die versiegt.
Sie kennt das Gefühl.
Nicht dass sie arm wäre. Aber sie kennt diese Erschöpfung, wenn man immer wieder merkt: die Last ist ungleich verteilt. In der Familie. Im Job. In der Gesellschaft. Manche tragen, manche lassen tragen. Manche machen Rentenpläne in Kommissionen, andere schimpfen über die Politiker da oben und polemisieren. Und viele Menschen schimpfen. Oder sie schweigen. Oder sie überfordern sich. Oder sie geben an, ohne wirklich was zu tun für andere.
Das Wasser fließt weiter.
Gottes Wort durch Amos war laut und unbequem. Drastisch sogar. Er hasst die Feste, mag die Versammlungen nicht, will die Opfer und Lieder nicht hören. Eine volle Breitseite gegen den Tempelkult. Gegen alle, die singen und feiern und opfern – und dabei nicht merken oder nicht merken wollen, wen sie übersehen.
Sie kennt das auch. Frommer Betrieb, schöne Worte, gut gemeinte Veranstaltungen. Und dann? Draußen vor der Tür wartet die Wirklichkeit.
Und dann, nach all der Kritik, kommt dieser eine Satz von Amos wie ein Befreiungsschlag:
„Es ströme aber das Recht wie Wasser und die Gerechtigkeit wie ein nie versiegender Bach." Amos 5,24
Das Bild von der Gerechtigkeit als nie versiegender Bach ist ein Gegenbild zu der Wirklichkeit damals und heute, in der das Leben verkümmert, weil die lebensspendende Quelle von Recht und Gerechtigkeit auszutrocknen scheint.
Das Wasser-Bild ist im Nahen Osten existenziell: Ein nie versiegender Bach ist kein romantischer Bachlauf – er ist das, was in einer Trockenlandschaft Leben bedeutet. Langsam ahnen wir auch im reichen Europa angesichts von Hitzewellen, wie wichtig schon Wasser sein kann. Und auch da geht es nicht gerecht zu.
Recht und Gerechtigkeit sollen nicht sporadisch aufflackern wie ein Regenbach im Winter, sondern verlässlich fließen wie eine Quelle, die nie versiegt. Auch wenn es hitzig wird, auch wenn wieder jemand überfordert ist, auch wenn die einen mehrfach in Urlaub fliegen und die anderen nicht wissen, wie sie am Ende des Monats die Rechnungen bezahlen.
Gerechtigkeit – nicht als Tropfen, nicht als Ausnahme, nicht als Almosen. Nicht nur gut gemeint, sondern wirklich erlebbar.
Wie Wasser. Wie ein Bach der nie versiegt.
Wie Wasser. Wie ein Bach der nie versiegt.
Sie schaut auf den Fluss.
Die Sehnsucht nach Gerechtigkeit ist ihr nicht fremd. Die ist alt in ihr – älter als die Müdigkeit, älter als die Wut. Diese Sehnsucht, dass es gerecht zugehen möge. Wirklich gerecht. Nicht nur rechtlich korrekt, nicht nur gut gemeint, sondern gut gemacht.
Sie seufzt nochmal und weiß sich verbunden mit ihm, dem alten Propheten. Amos hätte sie verstanden.
Ich wünsche uns einen Sommer, in dem wir die Sehnsucht nach Gerechtigkeit nicht wegpacken.
Gott segne uns.
Gott segne uns.
Elke Piechatzek
Diakonin


