Denkt an die Gefangenen, als wäret ihr mitgefangen; denkt an die Misshandelten, denn auch ihr lebt noch in eurem irdischen Leib!

Monatsspruch Juni 2026

Elke Piechatzek darüber, was es bedeutet, mitgefangen und an der Seite der Misshandelten zu sein.

Der Monatsspruch Juni kommt wie der aus dem Mai aus einem Brief in der Bibel. Der Brief an die Hebräer. Wie immer habe ich das ganze Kapitel gelesen. Es ist das letzte Kapitel dieses Briefes, voller praktischer Ermahnungen: Liebt einander, seid gastfreundlich, seid nicht geldgierig und denkt an die Gefangenen.

Die Gemeinde, die das las, wusste wovon die Rede war. Ihr Mitbruder Timotheus saß im Gefängnis. Am Ende des Briefes wird von seiner Freilassung erzählt. Für die Gemeinde war das also kein abstraktes Mitgefühl, das war sehr konkret.

Gefangene und Misshandelte – zwei Gruppen, die der Brief nebeneinander nennt. Beide kannte die frühe Gemeinde aus eigener Erfahrung.

„Weil auch ihr noch im Leibe lebt" – das klingt harmlos, ist es aber nicht. Die frühen Christen warteten auf Jesu Wiederkunft, fühlten sich schon fast nicht mehr von dieser Welt. Der Leib galt als das Problem – Ort der Versuchung, der bösen Triebe, der Schuld. Am liebsten wären sie schon raus gewesen. Und der Brief sagt: Moment. Ihr lebt noch hier. Ihr habt noch einen Leib. Schaut nicht weg.

Diese Leibfeindlichkeit hat in der Kirchengeschichte viel Schaden angerichtet. Sie hat Menschen wehrlos gemacht. Sie hat Missbrauch ermöglicht und verschwiegen – weil der Leib ja sowieso das Problem war. Das ist die dunkle Seite dieses Denkens.

Heute fast 2000 Jahre später liest sich der Satz anders. Denkt an die Gefangenen und Misshandelten, ihr selbst habt noch diesen Leib. Wir haben diesen Leib noch – und wir wissen heute: ein reines Herz und Leibfeindlichkeit passen nicht zusammen. Gottes Liebe wirkt auch in unseren Körpern und seine Gebote sind nicht die an Menschen, die irgendwie nicht (mehr) von dieser Welt sind.

Missbrauch ist uns nicht fremd – auch nicht in der Kirche. Das müssen wir mit Scham zugeben. Wegschauen war keine Option, das wissen wir jetzt. Und so liest es sich heute anders als damals.

Und die Misshandelten? Die Opfer von Gewalt und Missbrauch brauchen zuerst unsere Aufmerksamkeit, unsere Solidarität, unser Hinsehen. Mitgefangen bedeutet auch: ich glaube dir. Ich stehe auf deiner Seite. Ich schaue nicht weg, ich rede nicht klein, ich schütze nicht die Institution. Das ist keine Selbstverständlichkeit – in der Kirche zu lange nicht gewesen. Zu lange wurden Opfer zum Schweigen gebracht, zu lange wurden Täter geschützt. Das war falsch und unrecht. Das widerspricht Gottes Liebe.

Ich kenne keine Gefangenen. Aber ich kenne Menschen, die schuldig geworden sind – auch mir gegenüber. Und ich weiß, wie schwer es ist, dabei zu bleiben mit dem Herzen. Gefängnisse kenne ich trotzdem – die, die uns von innen festhalten. Angst. Scham. Verbitterung. Die sind real, auch wenn man sie nicht sieht.
Aber der Vers meint natürlich auch die echten Gefängnisse. Und da wird es unbequem. Denn viele sind ja der Meinung: wer Mist baut, gehört bestraft. Wegsperren – das ist doch richtig.
Jesus dreht es um. Er nimmt selbst einen Leib an. Er heilt Körper und Seele, er isst und trinkt, er weint. Gerade weil wir Menschen mit Körper und Seele sind, weil wir Schwäche und Schuld kennen, können wir mitfühlen. Nicht trotz des Leibes, sondern wegen ihm.

Denkt an die Gefangenen – auch wenn sie keine Unschuldigen sind. Das ist der Grund, warum es Gefängnisseelsorge gibt. Weil Menschen auch hinter Gittern Menschen bleiben. Weil auch der Verbrecher Würde hat. Dabei bleiben mit dem Herzen – das ist die Aufgabe.

Die christliche Botschaft bleibt in der Liebe, auch wenn jemand schuldig wird. Hartherzig verurteilen ist nicht unsere Sache. Und es auf böse Triebe schieben, wird nicht vor Missbrauch und Misshandlung schützen. Prüderie ist der Nährboden für diese Taten. Lasst uns aufhören mit dieser Körperfeindlichkeit und genau hinsehen, ja auch bei den Gefangenen und den Misshandelten.

Das ist pure Bergpredigt, die hier durchklingt. Die kennt keine Ausnahmen für die, die es „verdient" haben. Das sind diese Sätze, die in der damaligen und heutigen Welt so „verrückt" sind. Gottes Liebe ist größer als Verhaltensregeln, größer als Schuld und Vergeltung, größer als Wegsperren und unterdrücken.
„Denn wenn ihr liebt, die euch lieben, was werdet ihr für Lohn haben? Und wenn ihr nur zu euren Brüdern freundlich seid, was tut ihr Besonderes? Darum sollt ihr vollkommen sein, wie euer himmlischer Vater vollkommen ist."  Matthäus 5,46

Das sind Worte, die uns aufrufen, an die zu denken, die in inneren und realen Gefängnissen sitzen und auch an die, die misshandelt werden. Worte, die mehr sind als Ermahnung – sie sind eine Haltung, die Gott widerspiegelt.


Elke Piechatzek
Diakonin